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Lifestyle

CDU bei Landtagswahlen: Wahlkampf mit der “Lifestyle”-Debatte im Nacken

CDU bei Landtagswahlen: Wahlkampf mit der "Lifestyle"-Debatte im Nacken
Plakate der CDU zur Landtagswahl in Baden-Württemberg


Reportage

Stand: 09.02.2026 14:32 Uhr

“Lifestyle-Teilzeit” und Zahnarztleistungen – die Vorschläge von Wirtschaftsvertretern der CDU erhitzen die Gemüter. In Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz bemühen sich Wahlkämpfer um Schadensbegrenzung.

Raymond Höptner kann es kaum erwarten: Endlich ist Wahlkampf, endlich darf er Plakate aufhängen. Der 26-Jährige rennt mit einem riesigen Stapel durch Ludwigshafen in Rheinland-Pfalz. “Es macht mir so viel Spaß. Ich brenne für Politik”, sagt er. Wenn da nicht der Gegenwind aus Berlin wäre und er jetzt über Teilzeit und Zähne reden müsste. “Die Debatte ist nicht unbedingt förderlich im Wahlkampf.”

Zumal die Stadt ganz andere Probleme habe, “um uns jetzt über irgendwelche Teilzeit-Debatten und Zahnbehandlungen die Köpfe einzuschlagen.”

Türwahlkampf als Heimspiel – eigentlich

Ludwigshafen hat viele Themen: Die Wirtschaft läuft auch hier nicht gut. Viele sorgen sich eher um den Arbeitsplatz als die Arbeitszeit. Es geht um Gewalt an Schulen. Darum, dass Menschen Angst auf der Straße haben.

Raymond Höptner weiß das alles, denn es ist seine Stadt. Er ist 26 Jahre alt. Hier geboren und aufgewachsen. Wenn er an den Türen klingelt, ist es ein Heimspiel. Er ist auch Ortsvorsteher – also weiß er, was die Menschen besorgt.

Der Wahlkampf ist für Raymond Höptner nicht einfach. Er muss sich immer wieder für die Vorstöße des Wirtschaftsrats und CDU-Wirtschaftspolitiker rechtfertigen.

“Nichts, was ich mir als Lifestyle ausgesucht habe”

Filiz Yüceler steigt gerade aus dem Auto mit ihrem Sohn. Sie freut sich, den CDU-Kandidaten zu sehen. Er sei der erste Ortsvorsteher, den sie kennt. Aber die Lehrerin ist wütend. Sie selbst arbeitet in Teilzeit. “Ich habe einen Sohn, der ein Pflegefall ist. Ich pflege meine Mutter”, erzählt sie. “Das ist nichts, was ich mir als ‘Lifestyle’ jetzt ausgesucht habe.”

Raymond Höpner steht daneben und muss sich rechtfertigen. Dabei steht er gar nicht hinter der Idee seines Wirtschaftsflügels. Die CDU sei eine Volkspartei, argumentiert er. Filiz Yüceler überzeugt das nicht, sie wäre zwar eigentlich gar nicht betroffen, denn für Kinder oder Pflege soll die Teilzeit gar nicht eingeschränkt werden.

“Mir fehlt ein bisschen das C bei der CDU”

Aber die Botschaft ist in der Welt und der Ton gesetzt. Sie sagt: “Mir fehlt so ein bisschen das C bei der CDU. Und mir fehlen so ein bisschen die Werte.”

Und das ist ein Problem für die CDU-Wahlkämpfer hier in Rheinland-Pfalz. Raymond Höptner sagt: Es ist das gute Recht, Debatten anzustoßen. Aber so? Der Ortsvorsteher wünscht sich mehr Rückenwind und sagt, dass “Schrauben woanders gedreht werden” müssen. Es müsse vielmehr die Frage gestellt werden, wie Rahmenbedingungen geändert werden können, damit Leute mehr Vollzeit arbeiten.

Linnemann: Problem ist wirtschaftliche Lage

Rahmenbedingungen – ein Wort, das auch Carsten Linnemann gern benutzt. Der CDU-Generalsekretär muss im ARD-Bericht aus Berlin erneut erklären, warum er den Begriff der “Lifestyle-Teilzeit” ablehnt. Er gibt zu, dass Menschen unter Generalverdacht gestellt wurden.

Das Problem sei aber die wirtschaftliche Lage: “Da reden wir nicht über ‘Lifestyle-Teilzeit’, sondern da reden wir über zu hohe Lohnnebenkosten. Zu hohe Energiekosten, Bürokratieabbau, Fachkräftemangel.” Also kurz das, was er unter Rahmenbedingungen beschreiben würde.

“Wir sind keine Verbotspartei”

Arbeiten wir zu wenig? Die Frage hat die Union aufgeworfen. Nicole Huber aus Heidelberg findet sie berechtigt. Aber die Debatte schade trotzdem, “weil die Wortwahl einfach schlecht war”.

Nicole Huber kandidiert für die CDU in Baden-Württemberg. Den Ärger vieler Leute könne sie “absolut verstehen”. “Weil: Wenn immer nur gefordert wird: Mehr arbeiten, dann fühlen sich viele nicht mehr mitgenommen.”

Nicole Huber und Marc Biadacz machen Wahlkampf für ihre Partei.

Nicole Huber hat zu einer Veranstaltung eingeladen, es geht um das Thema Arbeit. Verstärkung aus dem Bundestag ist gekommen. Marc Biadacz macht Arbeitsmarkt- und Sozialpolitik für die Union. Das Wort “Lifestyle” nimmt er nicht in den Mund. Aber es ist in der Welt und auch hier im Raum. Er sei gar nicht für eine Vier-Tage Woche oder für Teilzeit oder Vollzeit. “Das entscheiden die Menschen eigenständig. Wir sind keine Verbotspartei, sondern eine Partei der Freiheit.”

Kopfschütteln über die eigene Partei

Dafür gibt es Zustimmung. Etwa 30 Leute sind gekommen. Sie meinen es gut mit der CDU. Doch zuletzt mussten sie den Kopf schütteln über die eigene Partei. Karl A. Lamers saß lange für die CDU im Bundestag und ruft Marc Biadacz entgegen, er sei erfreut, “dass es Abgeordnete wie dich gibt, die nicht morgens aufstehen und sich überlegen, wie sie Schlagzeilen produzieren, die uns schaden”.

“Lifestyle” klinge nach Mode und hübschen Kleidern, ergänzt Werner Bornemann von Loeben und sagt: “Man kann viel arbeiten, dann hat man viel Geld und fährt einen Mercedes. Oder man arbeitet wenig und fährt einen Trabant.” Und ein anderer Zuhörer zitiert sogar Karl Marx. Der habe doch gesagt, dass der Mensch sich über die Arbeit verwirkliche als soziales Wesen.

“Nicht immer an den Überschriften aufhalten”

Nicole Huber erzählt, dass sie auch positive Rückmeldungen bekomme. Sie werde von Unternehmern gebeten, nicht aufzugeben. Sie kann das gut verstehen, auch sie hatte schon Personalverantwortung und sieht jetzt eine Chance, um ins Gespräch zu kommen.

“Wir müssen auch immer in der Lage sein, Debatten zu führen und dürfen uns nicht immer an den Überschriften aufhalten.” Heißt: Über Arbeitszeit muss gesprochenen werden. Nur eben in einem anderen Ton.

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