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CDU-Vorstoß zur Arbeitszeit: Wie viel „Lifestyle“ steckt in der Teilzeit-Realität Berlins?

CDU-Vorstoß zur Arbeitszeit: Wie viel „Lifestyle“ steckt in der Teilzeit-Realität Berlins?

Vollzeit bereit, flexibel, belastbar: Deutschland diskutiert mal wieder über den idealen Arbeitnehmer. Auslöser ist ein Antrag des Wirtschaftsflügels der CDU, der mit dem Begriff „Lifestyle-Teilzeit“ ein neues Arbeitszeitmodell ausgemacht haben will. Klingt weniger nach Statistik als nach Vorwurf an den sich selbstverwirklichenden Großstädter. Doch wie viel Lifestyle steckt tatsächlich in der Teilzeitrealität Berlins?

Zunächst die nüchterne Ausgangslage: Berlin hatte im Juni 2025 laut Bundeagentur mit 35,1 Prozent die höchste Teilzeitquote im Bundesländervergleich. Kein anderes Land weist einen höheren Anteil sozialversicherungspflichtig Beschäftigter mit reduzierter Arbeitszeit auf. Das wirkt wie ein Steilpass für die politische Debatte. Doch die Quote allein erklärt wenig. Sie sagt nichts darüber, warum Menschen Teilzeit arbeiten – und noch weniger darüber, ob sie es aus Bequemlichkeit tun.

Was „Lifestyle“ in der Statistik wirklich meint

Was die Mittelstands- und Wirtschaftsunion (MIT) der CDU „Lifestyle-Teilzeit“ nennt, heißt in der amtlichen Statistik „Teilzeit, weil Teilzeittätigkeit erwünscht“. Diese Kategorie existiert laut Institut für Arbeitsmarkt und Berufsforschung (IAB) erst seit 2020 und ist kein Lebensstilindikator, sondern eine Restgröße. Sie umfasst alle Fälle, die nicht explizit auf Kinderbetreuung, Pflege, Ausbildung, Krankheit oder fehlende Vollzeitstellen zurückgehen.

29

Prozent der Teilzeitbeschäftigen in Berlin wünschen sich dieses Arbeitszeitmodell.

In Berlin entfallen rund 29 Prozent der Teilzeitbeschäftigten auf diese Kategorie, bundesweit sind es 25 Prozent nach Zahlen des IAB. Berlin liegt damit leicht über dem Durchschnitt – aber auch hier gilt: Diese Gruppe ist nicht die Mehrheit. Rund drei Viertel der Teilzeit in Berlin hat andere, meist strukturelle Gründe.

Warum „erwünscht“ nicht gleich freiwillig heißt

Aus „Teilzeit erwünscht“ auf „Lifestyle-Teilzeit“ zu schließen, überdehnt die Statistik. Die Kategorie sagt lediglich, dass Befragte aktuell nicht mehr Stunden arbeiten möchten. Ob dahinter gesundheitliche Belastungen unterhalb der Krankheitsschwelle, hohe Arbeitsintensität, Mehrfachbeschäftigung, Pendelzeiten oder informelle Sorgearbeit stehen, bleibt unbeobachtet. Die Daten messen keine Arbeitsmoral und keinen Lebensstil, sondern eine Selbsteinschätzung innerhalb bestehender Rahmenbedingungen.

54

Prozent der erwerbstätigen Frauen in Berlin arbeiten Vollzeit.

Ein Blick auf den Ländervergleich schärft das Bild. Berlin und Sachsen liegen mit rund 35 Prozent Teilzeitbeschäftigung fast gleichauf. Doch die Strukturen unterscheiden sich deutlich: In Berlin ist Teilzeit breit über Geschlechter und Branchen verteilt und ergänzt einen stabilen Vollzeitkern: Mehr als jede zweite Frau arbeitet hier in Vollzeit (54 Prozent in Berlin, bundesweit sind es nur 34 Prozent), zugleich ist knapp jeder vierte Berliner Mann teilzeitbeschäftigt – bundesweit liegt der Anteil bei Männern bei nur rund zwölf Prozent.

Andere Welt in Sachsen – trotz gleicher Teilzeitquote

Im Freistaat Sachsen, der seit 35 Jahren von Ministerpräsidenten mit CDU-Parteibuch regiert wird, ist Teilzeit deutlich stärker geschlechtsspezifisch und branchenscharf verteilt: Sie betrifft vorwiegend Frauen und konzentriert sich auf dienstleistungsnahe und soziale Berufe, während Männer überwiegend in Vollzeit arbeiten. Gleiche Quote, unterschiedliche Arbeitsmärkte.

Der Antrag nennt Bürgergeld, Kinderzuschuss und Wohngeld als Sozialleistungen, an denen sich Fehlanreize durch Teilzeit zeigen sollen. Überträgt man diese Logik auf Berlin, schrumpft das Feld schnell. Bürgergeld ist an Erwerbsfähigkeit gekoppelt, der Kinderzuschuss betrifft Familien – also Konstellationen, die selbst der Antrag als legitime Gründe anerkennt.

Übrig bleibt vor allem Wohngeld. Doch auch hier zeigt die Berliner Realität: Die Mehrheit der rund 54.500 Wohngeldhaushalte sind Ein-Personen-Haushalte, mehr als die Hälfte der Beziehenden ist im Rentenalter. Für sie ist Vollzeit kein Hebel. Bei Erwerbstätigen wiederum gleicht Wohngeld oft hohe Wohnkosten bei niedrigen Einkommen aus – selbst bei Vollzeit.

Ein Arbeitsmarkt, der Teilzeit hervorbringt

Berlin schafft Jobs – aber vor allem solche mit reduzierter Stundenzahl. Seit 2020 ist die Zahl der Teilzeitstellen deutlich schneller gewachsen als die der Vollzeitstellen. Besonders in den prägenden Berliner Branchen ist Teilzeit längst der Normalfall: in der Reinigung, in sozialen und erzieherischen Berufen, im Verkauf und in der Gastronomie liegt ihr Anteil jeweils deutlich über der Hälfte. Kein Randphänomen: Finanzierung und Belastung sind in diesen Bereichen häufig so zugeschnitten, dass Vollzeit nicht die Regel, sondern die Ausnahme ist.

Wie sich aus dieser Struktur mehr Arbeitsvolumen gewinnen lässt, wird unterschiedlich bewertet. Die Unternehmensverbände Berlin-Brandenburg (UVB) halten eine Einschränkung des Rechtsanspruchs auf Teilzeit, wie es auch das MIT der CDU fordert, für einen möglichen Weg und verweisen darauf, dass der Fachkräftemangel die Verhandlungsmacht der Beschäftigten bereits gestärkt habe.

Die Vereinte Dienstleistungsgewerkschaft Berlin-Brandenburg (Verdi) zieht eine andere Konsequenz: Wo Vollzeitstellen fehlen, werde Teilzeit faktisch erzwungen. Erforderlich seien daher Rechte auf Aufstockung. Das bedeutet: Entstehen im Betrieb zusätzliche Stunden oder Vollzeitstellen, müssen zuerst die bestehenden Teilzeitkräfte berücksichtigt werden. Perspektivisch fordert Verdi ein Recht auf Vollzeit.

Übrigens: Berlin arbeitet nicht weniger

Ein Blick auf die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden relativiert den Berliner Spitzenplatz bei der Teilzeit zusätzlich. Nach der Erwerbstätigenrechnung der Länder liegen die geleisteten Arbeitsstunden je Erwerbstätigen in Berlin bei rund 99 Prozent des Bundesdurchschnitts.

Damit bewegt sich die Hauptstadt im Mittelfeld – auf einem Niveau mit Ländern wie Niedersachsen oder Nordrhein-Westfalen, die deutlich niedrigere Teilzeitquoten aufweisen. Der hohe Teilzeitanteil schlägt sich also nicht eins zu eins in weniger Arbeitsleistung nieder. Er sagt vor allem etwas über die Form der Arbeitsverhältnisse, weniger über das tatsächliche Arbeitsvolumen.

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