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Teenager-Terroristen und radikale IS-Frauen: „Berührt mich, wenn Kinder im Spiel sind“

Teenager-Terroristen und radikale IS-Frauen: „Berührt mich, wenn Kinder im Spiel sind“

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Sie suchen auf TikTok nach Antworten – und landen bei Islamisten. Ausstiegsberaterinnen warnen: Die Szene wächst, die Klienten sind oft fast noch Kinder.

Düsseldorf – Deutschland, das kannst du besser – so heißt die große neue Themenreihe von Münchner Merkur und Ippen.Media. Wir benennen Probleme und Missstände – und zeigen im Gespräch mit Politikerinnen und Experten konstruktive Lösungsansätze auf. In der ersten dreiteiligen Serie des Formats geht es um ein Phänomen, das immer mehr zu einem Risiko wird: radikaler Islamismus in Deutschland.

Als Omar den Sinn des Lebens suchte, ging es schnell bergab. „Falsche Leute haben mir falsche Antworten gegeben“, erzählt er. Omar ist Anfang 20. Als dieses Gespräch stattfindet, sitzt er in der JVA Wuppertal ein. Wegen versuchten Mordes – bei einer Schlägerei zückte er ein Messer, stach zu.

Eine Rückansicht einer Person vor einem roten Teppich

Die „falschen Antworten“ kamen vor allem aus der Islamistenszene, meist von Tiktok. Von islamistischen Influencern. Solchen wie El Azzazi oder Abdelhamid, der inzwischen selbst zu einer Haftstrafe verurteilt wurde, weil er angebliche Gaza-Spenden seiner gutgläubigen Follower für sein eigenes Luxusleben abzweigte. In der JVA haben sie einen Gesprächskreis für junge Muslime wie Omar, der eigentlich anders heißt. Das Radikalisierungsrisiko im Gefängnis ist hoch, Sozialarbeiter und progressive Imame bringen den jungen Männern Schritt für Schritt bei: Glaubt nicht alles, was die Prediger euch bei Tiktok erzählen; es gibt noch andere Gesetze, jenseits der Scharia. Deutsche Gesetze, an die sich jeder halten muss.

Islamismus: Zahl von radikalisierten Jugendlichen steigt rasant

Mit Menschen wie Omar haben Katharina Rönsdorf und Christina Maier tagtäglich zu tun. Auch ihre Namen sind geändert, zu ihrem Schutz und zum Schutz ihrer Klienten. Die beiden arbeiten als Ausstiegsbegleiterinnen beim Ausstiegsprogramm Islamismus (API) in Nordrhein-Westfalen. Das Programm ist an den Verfassungsschutz des Landes angedockt und hat das Ziel, Menschen, die aus der Islamistenszene aussteigen wollen, auf ihrem Weg zurück in die Gesellschaft zu begleiten. Sicherheitsbehörden beobachten seit Monaten mit Sorge: Die radikale Szene wächst rasant – und die potenzielle Gewaltbereitschaft nimmt zu.

Das Bundeskriminalamt verzeichnete 2024 einen deutlichen Anstieg bei der sogenannten politisch motivierten Kriminalität (PMK) im Bereich Religion. 1.877 Straftaten gab es in diesem Spektrum, gegenüber 1.458 im Vorjahr. Einen islamistischen Hintergrund hatten davon 1515 Taten (2023 waren es 990). Das Bundesamt für Verfassungsschutz schätzt die Größe der islamistischen Szene in Deutschland auf gut 30.000 Personen.

Deutschland, das kannst du besser – Die große Serie von Münchner Merkur und Ippen.Media:

Teil 1: „Woke Ideologie macht blind“ für Islamismus: Experte kritisiert jahrzehntelanges Versagen der Politik

Teil 2: „Salafismus als Lifestyle“: Warum immer mehr Teenager zu Islamisten werden

Teil 3: „Politik hofiert islamistische Verbände“: Liberale Imamin kämpft gegen Islamismus in Deutschland

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Wer aussteigen will, landet vielleicht irgendwann bei Katharina Rönsdorf und Christina Maier. Die meisten der Klienten seien noch minderjährig, sagt Rönsdorf. Und: Die Zahl der ganz jungen steige. „Die Jüngsten sind derzeit 14 Jahre alt. Probleme gibt es offenbar immer öfter aber auch bei Kindern unter 14 Jahren.“ Hauptsächlich geht es um männliche Klienten. „Aber es werden immer mehr Frauen,  bei denen es sich in der Regel um IS-Rückkehrerinnen handelt.“  

Ein Beispiel: der Fall Lydia G. aus Bayern. Wie Recherchen von Ippen.Media und dem Bayerischen Rundfunk (BR) bereits vor einem Jahr zeigten, gehörte G. zu einer Reihe von Frauen mit Deutschlandbezug, die in einem der beiden kurdischen Gefängnis-Zeltlager al-Hol und Rodsch im Norden Syriens festsaßen. Dort leben mehr als 50.000 Menschen, viele sind radikalisierte Frauen von Kämpfern der Terrororganisation Islamischer Staat (IS) – und ihre Kinder. G., in Bamberg aufgewachsen und christlich erzogen, war ihrem Mann, der zum IS wollte, 2014 nach Syrien gefolgt. Ihr Mann sprengte sich 2015 bei einem Selbstmordattentat in die Luft. Im April letzten Jahres wurde G. mit ihren minderjährigen Kindern in einem Bundeswehrflugzeug zurück nach Deutschland gebracht. Kürzlich startete der Prozess gegen sie in München. Vorwurf unter anderem: Mitgliedschaft in einer terroristischen Vereinigung im Ausland.

„Es berührt mich immer sehr, wenn Kinder im Spiel sind. Die vielleicht auch in Syrien dabei waren. Das mit zu begleiten, ist schon hart“, sagt Christina Maier. Die meisten ihrer Klienten haben bereits „eine gewisse Sicherheitsrelevanz“, wie sie sagt. „Einige haben konkrete Terroranschläge geplant oder es wird ihnen die Mitgliedschaft in einer Terrororganisation vorgeworfen. Andere wiederum sind Rückkehrer aus Syrien, die für den Islamischen Staat gekämpft haben.“ Voraussetzungen für die Teilnahme an API sind Freiwilligkeit und ein klar formulierter Ausstiegswille. Ganz von selbst kommen aber die wenigsten, meistens läuft der Kontakt über Jugendämter oder die Jugendgerichtshilfe. „Das erste Etappenziel in der Arbeit mit den Jugendlichen liegt darin, ideologische Zweifel zu erreichen“, erklärt Christina Maier. „Wir sind eben keine Prediger und sagen unseren Klienten nicht einfach plump: Das ist richtig, und das ist falsch. Vielmehr sollen sie sich selbst und ihr Handeln immer wieder hinterfragen.“  

Tempelbomber und Terrorpläne: „Soziale Medien sind Radikalisierungsverstärker“

Nur: Was macht junge Menschen überhaupt derart radikal? Für Aufsehen sorgten 2016 die sogenannten Tempelbomber von Essen. Die damals 16 Jahre alten Yusuf T., Momhammed B. und ein dritter Jugendlicher legten eine Bombe am Tempel einer Sikh-Gemeinde in der Stadt im Ruhrgebiet. Mehrere Menschen wurden verletzt. Die drei Attentäter wurden zu langen Haftstrafen verurteilt. Radikalisiert hatten sie sich über Jahre in einschlägigen Hinterhofmoscheen. Yusuf T. hatte auch Kontakt zum berüchtigten IS-Anwerber Abu Walaa.

Anders bei den beiden damals 15 und 16 Jahre alten Jugendlichen, die im Dezember 2023 islamistische Anschläge auf Weihnachtsmärkte in Köln planten. Sie stehen für eine neue Generation: Physische Kontakte zur Szene hatten sie nicht, innerhalb kürzester Zeit radikalisierten sie sich online über Chatgruppen. „Heutzutage sind es nicht mehr Prediger an „Lies!“-Ständen, sondern es sind Influencer mit Tausenden Followern. Salafismus wird zum Lifestyle“, sagt Katharina Rönsdorf. „Soziale Medien sind ganz klar Radikalierungsverstärker.“

Aspekte, die beide Ausstiegsbegleiterinnen immer wieder beobachten und die auch vor Social-Media-Zeiten galten: „Oft haben gerade unsere jüngeren Klienten Bedürfnisse, die nie erfüllt wurden. Viele haben über Jahre das Gefühl, nirgends dazuzugehören.“ Die Szene gebe ihnen erstmals das Gefühl, endlich gehört zu werden. „Und die Scharia-Regeln helfen ihnen scheinbar, Ordnung in ihr Leben zu bekommen und mit komplexen Problemen umgehen zu können.“ Eine einfache Erklärung sei auch das nicht, und eine umfassende erst recht nicht – aber es zeige zumindest: Prävention wird immer wichtiger.

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