
Der Wirtschaftsflügel der CDU will den Rechtsanspruch auf Teilzeit einschränken, aus Sorge um den Fachkräftemangel. Freiwillige Teilzeit ohne Gründe, wie etwa Kindererziehung, Pflege oder Weiterbildung wird hier als “Lifestyle-Teilzeit” bezeichnet. Doch aus Pflege, Schulen und Gewerkschaften kommt scharfer Widerspruch. Sie warnen: Wer Teilzeit diskreditiert, verkennt die Realität vieler Beschäftigter und verschärft bestehende Probleme. Wie die Belastung in ihrem Job konkret aussieht und welche Sorgen sie sich macht, schildert eine Pflegefachkraft.
“Ich schaffe Vollzeit in der Pflege nicht, körperlich und seelisch”
Birgit Huber arbeitet in Teilzeit in der Pflege, nicht aus Bequemlichkeit, sondern aus Notwendigkeit. “Ich empfinde, die Arbeitsbedingungen in der Pflege werden nicht besser, sondern schlechter”, sagt sie. Deshalb steige der Anteil der Teilzeitkräfte, während Vollzeit immer seltener werde. “Das hat nichts mit einem Lifestyle-Phänomen zu tun. Solche Behauptungen machen mich traurig und auch ein bisschen sauer.”
Besonders bewegt Birgit Huber der Blick auf die nächste Generation. Ihre Tochter mache derzeit eine Ausbildung zur Pflegefachfrau: “Sie hat mir gesagt: ‘Mama, ich glaube nicht, dass ich es schaffe, jemals Vollzeit in der Pflege zu arbeiten. Das werde ich physisch und psychisch nicht schaffen.'” Für Huber ein Satz, der belegt, wie die Arbeitsbedingungen in der Pflege sind. Dass 65 Prozent der Pflegekräfte nicht Vollzeit arbeiten, sei ein weiterer Beleg.
Pflege: “In Vollzeit zu arbeiten, bringt viele an die Grenzen”
Auch Vera Lux, Präsidentin des Deutschen Berufsverbands für Pflegeberufe (DBfK), betont, dass Teilzeit selten eine freiwillige Komfortentscheidung sei. Viele Pflegefachpersonen reduzierten ihre Arbeitszeit wegen hoher Belastung, Schichtdiensten und unzuverlässiger Dienstpläne. “In Vollzeit zu arbeiten, bringt viele Pflegefachpersonen an die Grenzen. Solange Überstunden, Einspringen aus arbeitsfreier Zeit und fehlende Planbarkeit den Berufsalltag bestimmen, ist Aufstocken für die meisten keine Lösung”, sagt Lux. Vollzeit bringe viele an die Grenze der körperlichen und psychischen Belastbarkeit.
Schulen: Teilzeit als Schutz vor Überlastung
Auch aus dem Bildungsbereich kommt Kritik. Der Bayerische Lehrer- und Lehrerinnenverband (BLLV) weist den Begriff “Lifestyle-Teilzeit” entschieden zurück. BLLV-Präsidentin Simone Fleischmann warnt davor, Teilzeit als Ausdruck mangelnder Leistungsbereitschaft darzustellen.
Gerade an Grundschulen seien rund 90 Prozent der Lehrkräfte Frauen. Viele leisteten zusätzlich Care-Arbeit in Familie und Pflege. Lehrkräfte nähmen Teilzeit nicht, weil sie weniger arbeiten wollten, sondern “weil man den Beruf in Vollzeit oft nicht mehr schaffen kann”, so Fleischmann. Teilzeit sei für viele ein Mittel, um gesund zu bleiben, angesichts steigender Krankmeldungen, Frühpensionierungen und Dienstunfähigkeit.
Gewerkschaft Verdi: Problem sind die Bedingungen
Auch die Gewerkschaft Verdi lehnt den Vorstoß ab. Der bayerische Landesfachbereichsleiter Dr. Robert Hinke erklärt, besonders in der Pflege gehe der Vorschlag an der Realität vorbei. Wer Teilzeitrechte beschneide, riskiere, dass noch mehr Fachkräfte den Beruf ganz verlassen.
Zugleich betont Verdi: Viele Pflegekräfte würden gern mehr arbeiten, wenn die Bedingungen stimmen. “Der Hebel liegt also nicht in Einschränkungen, sondern in besseren Arbeitsbedingungen”, sagt Hinke.
Wirtschaft: Mehr Flexibilität, weniger Vorgaben
Der Hauptgeschäftsführer Bertram Brossardt der Vereinigung der Bayerischen Wirtschaft (vbw) betont, Unternehmen hätten ein großes Interesse daran, qualifizierte Beschäftigte zu halten, und kämen Teilzeitwünschen häufig freiwillig entgegen. Einen gesetzlichen Anspruch auf Teilzeit lehne man deshalb ab. Zugleich räumt Brossardt ein, dass unklar sei, ob eine Einschränkung des Teilzeitrechts tatsächlich zur Fachkräftesicherung beiträgt. Auch ohne gesetzlichen Anspruch sei die Teilzeitquote gestiegen, in Ländern wie Österreich sogar stärker als in Deutschland.
Zwischen Fachkräftemangel und Arbeitsrealität
Die Reaktionen aus Pflege, Schulen und Verbänden zeigen: Die Debatte um Teilzeit berührt einen sensiblen Punkt. Für viele Beschäftigte ist Teilzeit kein Luxus, sondern ein Schutzmechanismus, gegen Überlastung, Krankheit und den Ausstieg aus dem Beruf.
Der Wirtschaftsflügel der CDU verweist in ihrer Begründung für den Vorschlag auf eine Teilzeitquote von über 40 Prozent bei gleichzeitigem Fachkräftemangel. Weniger Teilzeit, so das Argument, könne Produktivität und Wettbewerbsfähigkeit steigern. Ob eine Einschränkung des Rechtsanspruchs tatsächlich mehr Arbeitskraft mobilisiert oder bestehende Probleme verschärft, bleibt offen. Auf dem Bundesparteitag Ende Februar soll ein Antrag beraten werden, der den allgemeinen Rechtsanspruch auf Teilzeit infrage stellt.