Im Gegensatz zu Stimmen aus der CDU/CSU hat Teilzeitarbeit bei der Caritas Konstanz nichts mit Lifestyle zu tun, sondern ist unentbehrlich. Michaela Seeger, örtliche Vorständin des katholischen Wohlfahrtsverbandes, sagt bei einem Pressetermin anlässlich des Internationalen Weltfrauentags und der Landtagswahl am 8. März: „Teilzeit gehört zur Caritas. Ohne Teilzeitstellen könnten wir viele Projekte gar nicht verwirklichen.“
Dass es bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern ein großes Interesse an Teilzeitstellen gibt, zeige, dass es in den vergangenen Jahren eine gute Lohnentwicklung gegeben habe und Teilzeitarbeit sich lohne. Zudem könnten manche Menschen gar nicht anders als Teilzeit arbeiten, weil sie Angehörige pflegen oder Kinder haben – „ich stelle lieber jemanden an, der 70 Prozent zuverlässig arbeitet, anstatt 100 Prozent unzuverlässig“, sagt Seeger.
Immer wieder Änderungsanträge von Mitarbeitern
Sowohl Frauen als auch Männer stellten bei der Caritas Konstanz immer wieder Änderungsanträge, was das Arbeitspensum betreffe, berichtet Seeger. „Wir sind da flexibel genug.“ Das wird von Scarlett Urfey bestätigt, eine Mitarbeiterin, die seit 13 Jahren bei der Caritas Konstanz angestellt ist und dort viele Lebensstationen durchlaufen hat – alleinstehend, mit Partner und schließlich als Mutter: „Vereinbarkeit von Familie und Beruf funktioniert hier gut.“
Angefangen habe sie 2013 als Altenpflegerin im Schichtdienst, erzählt Urfey. Während der Schwangerschaft, als die körperliche Arbeit in der Pflege zu belastend wurde, konnte sie ihr Tätigkeitsfeld anpassen und in die Tagespflege wechseln. Sie absolvierte die Weiterbildung zur Fachwirtin für Organisation und Führung. Seit Februar ist sie Qualitätsmanagementbeauftragte im Haus St. Franziskus. „Ich arbeite in Gleitzeit“, sagt sie, was ihr sehr entgegenkomme, da ihre Tochter zur Grundschule gehe „Ich kann mir die Aufgaben selbst einteilen und auch mal noch etwas am Abend fertig machen“, eine Flexibilität, die es in der Pflege so nicht gebe.
Foto: Aurelia Scherrer
Scarlett Urfey hat die Erfahrung gemacht, dass es auch mit zwei Kinder möglich ist, eine Führungsaufgabe zu übernehmen. „Bei der Caritas habe ich mir noch nie Sorgen machen müssen, ,abgesägt‘ zu werden, weil ich Mutter bin. Es werden immer Lösungen gefunden, oder man bekommt jemanden zur Seite gestellt.“ Ändern sich Lebenssituationen, werde versucht, eine gute Vertretung zu finden.
Aber wie kann das in Zeiten von Fachkräftemangel funktionieren? „Wir haben ein gutes Recruiting aufgebaut“, erläutert Michaela Seeger. „Wir bilden sehr viel aus. Momentan haben wir allein über 30 Auszubildende in der Altenhilfe.“ Eine davon ist bald Thuy Bao Ngan Ho. Sie ist Praktikantin im Haus Zoffingen und beginnt im August ihre Ausbildung zur Altenpflegerin. Ngan Ho stammt aus Vietnam, wo es zwar viele Caritasunternehmen gebe, sie aber diese Ausbildung so nicht machen könne. „Ich sehe im Beruf der Altenpflegerin Zukunftschancen“, sagt die 20-Jährige. Für sie ist er sinnstiftend. Ihr gefällt es nicht nur, den Menschen zu helfen, sie interessiert sich auch für den pharmazeutischen und medizinischen Teil.
Foto: Judith Schuck
Das klingt zwar alles nach positiven Nachrichten, doch auch bei der Caritas Konstanz gibt es noch Baustellen: „Wir sind zum Beispiel immer auf der Suche nach Fachkräften“, sagt Michaela Seeger. Sie seien wesentlich schwieriger zu finden als Hilfskräfte.“ Ein Vergütungsvergleich für die Entlohnung in der Altenhilfe, den der Verband katholischer Altenhilfe in Deutschland und die Caritas Dienstgeber für das Jahr 2025 durchgeführt haben, zeigt, dass die Durchschnittsvergütung für Hilfskräfte in Vollzeit bei der Caritas bei gut 3700 Euro im Monat liegt. Fachkräfte in der Langzeitpflege verdienen etwa 4400 Euro.
Führungskräfte schwieriger zu finden
Das Grenzgebiet führe allerdings neben einem allgemeinen Fachkräftemangel dazu, dass der Markt, was Pflegefachkräfte betrifft, noch kleiner ist. Hinzu kommt die angespannte Lage auf dem Wohnungsmarkt in Konstanz. „Wir stellen neuen Mitarbeitenden Wohnungen bereit, die wir angemietet haben“, sagt Michaela Seeger. Zunehmend schwieriger werde es auch, Führungskräfte zu finden. Hier mangele es grundsätzlich an der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen.
Michaela Seeger selbst hat diese Bereitschaft. Sie arbeitet seit sieben Jahren für die Caritas Konstanz, zunächst als Leiterin im Finanz- und Rechnungswesen. Im August 2025 entschied sich die Mutter zweier erwachsener Kinder, Vorständin zu werden. Im Team hätten alle an sie geglaubt, ganz unabhängig von ihrem Geschlecht. „Ich finde, es ist wichtig, dass Frauen ihre Kompetenzen zeigen und mutig sind“, sagt sie mit Verweis auf den Internationalen Frauentag am 8. März.
Hier sind Frauen vorn
Die Caritas Konstanz ist der größte Wohlfahrtsverband in der Region und einer der zehn größten Arbeitgeber im Landkreis. Der Frauenanteil in Leitungs- und Führungspositionen beträgt 68 Prozent, in der Pflege 71 Prozent und in der Verwaltung 85 Prozent. 81 Prozent der Frauen im Verband sind in Teilzeit beschäftigt.
Seeger sieht die Caritas in Sachen Gleichstellung als vorbildlich an. „Wir richten uns nach dem Tarifvertrag und zahlen nach Qualifikation, nicht nach Geschlecht. Ich habe in meiner Zeit hier nie eine Lohndiskrepanz zwischen Frauen und Männern erlebt.“ Vielleicht liegt das auch am hohen Frauenanteil in der sozialen Organisation, denn bei der Caritas Konstanz sind drei Viertel der Beschäftigten Frauen.
Mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen wünscht sich Michaela Seeger, dass der Fokus in der Politik stärker aufs Sozialwesen gelegt wird. Bei einer alternden Gesellschaft werde die Pflege und Betreuung von Menschen immer wichtiger. „Eine Gesellschaft funktioniert nicht nur über die Wirtschaft.“ Und Scarlett Urfey ergänzt: „Die Wirtschaft funktioniert nur, wenn die Mitte der Gesellschaft für Wirtschaftlichkeit sorgen kann.“