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Warum werden Babytragen zum Lifestyle-Accessoire? Ein kritischer Blick auf die Preisentwicklung

Warum werden Babytragen zum Lifestyle-Accessoire? Ein kritischer Blick auf die Preisentwicklung

Babytragen werden zunehmend zum teuren Lifestyle-Accessoire. Warum es sich lohnt, diese Entwicklung zu hinterfragen und ob die “Premium-Tragen” ihren Preis wert sind, liest du hier.

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Babytragen erfüllen eine klare Funktion: Sie ermöglichen es Eltern, ihr Baby freihändig nah bei sich zu tragen, erleichtern so den Alltag, stärken die Bindung, unterstützen die gesunde Hüft- und Wirbelsäulenentwicklung des Kindes – und entlasten im besten Fall auch den Rücken von Mama und Papa.

So weit so gut. Aber rechtfertigt das einen Preis von 4.000 Euro? So viel kostet nämlich die angesagte Artipoppe Babytrage aus Kaschmir und peruanischer Vikunjawolle, der feinsten, seltensten und teuersten Naturfaser der Welt. Wer es schlichter mag, bekommt von der niederländischen Luxusmarke auch eine Trage aus Bio-Baumwolle (Modell Zeitgeist). Mit einem Preis von umgerechnet 350 Euro wirkt die dagegen schon fast wie ein Schnäppchen. Doch warum bezahlen Eltern so viel für ein Produkt, das es so oder so ähnlich – viele Babytragen im Vergleich bestehen heute aus Bio-Baumwolle – deutlich günstiger gibt? Weil Hailey Bieber und Gisele Bündchen die gleiche haben? Weil Influencerinnen sich mit der Trage in stylischen Outfits präsentieren?

Von der Tragehilfe zum Lifestyle-Objekt: Artipoppe Trage als wegweisendes Beispiel

Artipoppe Gründerin Anna van den Bogert betont in Interviews, 2012 mit der Artipoppe Trage an den Start gegangen zu sein, weil sie sich eine Trage wünschte, die nicht nur praktisch, sondern auch schön sei, eine Möglichkeit, die eigene Identität auszudrücken, die sie durch die Mutterschaft bedroht sah. Die Trage sollte für ein Konzept von “New Motherhood”, für Freiheit und Empowerment stehen. 

Ein guter Gedanke. Und doch bleibt die Frage, warum es ein überteuertes Statusobjekt braucht, um sich als Mutter frei, stark und selbstbewusst zu fühlen? Und welche Folgen hat eine solche Premiumisierung von Tragehilfen eigentlich? 

Denn Artipoppe mag zwar ein Extrembeispiel dafür sein, wie sich ein Babyprodukt durch Marketing und Social Media zum teuren Luxusobjekt stilisiert. Andere Marken, die das Wachstum von Artipoppe und die Bereitschaft von Eltern, viel Geld für eine Trage auszugeben, beobachten, ziehen aber schnell nach.

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Haben die besten ergonomischen Vollschnallen-Tragen vor fünf Jahren noch um die 150 Euro gekostet (zum Beispiel die Manduca, Stiftung Warentest Testsieger 2020), kosten neue Tragen, die Design und Funktion vereinen wollen, heute zwischen 200 und 300 Euro. Mit Labels wie “Premium” oder “Elite” im Namen betonen Hersteller wie Rookie oder Emma & Noah, dass sie mit ihren Modellen ein neues Level an Tragekomfort, Design und Stil erreicht haben. Aber geht das tatsächlich? Kann Bio-Baumwolle noch atmungsaktiver und weicher werden als ohnehin schon? Sind Komfort und Ergonomie unendlich steigerungsfähig? 

Premium-Tragen im Test: Ist der hohe Preis gerechtfertigt?

Wir haben die Rookie Premium Elite Trage und die Emma & Noah Premium Babytrage im Rahmen unseres Babytragen-Vergleichs getestet und können bestätigen, dass beide Tragen ohne Frage sehr schön sind.

Die Trage von Rookie zum Beispiel ist minimalistisch geschnitten, an den richtigen Stellen gepolstert, sehr leicht anzulegen – und ein echter Hingucker. Aber etwas wirklich Neues bringt sie nicht mit. Rechtfertigt das einen Preisunterschied von bis zu 200 Euro im Vergleich zu Manduca, Hoppediz oder Momcozy, die ähnliche Eigenschaften haben und inzwischen ebenfalls in diversen Designs für jeden Geschmack erhältlich sind? 

Auf Nachfrage betont Rookie seinen Anspruch, Funktion, Design, einfache Handhabung und Nachhaltigkeit zu kombinieren, weist aber auch daraufhin, dass Rookie mehr ist als ein Produkt. Vielmehr versteht sich die Marke als persönliche Brand, die Mamas mit Content, Tipps, Trageberatung und einer Community durch diese besondere Phase ihres Lebens begleitet – dokumentiert durch Beiträge und Storys, die Nutzer:innen auf Instagram veröffentlichen. Rookie folgt damit einer ähnlichen Marketing-Strategie wie Artipoppe. Wer eine Rookie kauft, bezahlt für die Markenidee gleich mit.

Die Emma & Noah Premium Babytrage punktet tatsächlich mit einem innovativen Handling, das keine Trage bisher bietet: Sie lässt sich komplett ohne das Baby anlegen und an den Körper anpassen. Erst wenn alles sitzt, kommt das Baby dazu und kann mittels der Magnetverschlüsse innerhalb weniger Sekunden in der Trage gesichert wird. Weil die Magnetverschlüsse geräuschlos und ohne viel Herumfriemeln funktionieren, ist die Trage ideal für ungeduldige Eltern, unruhige Kinder oder zur Einschlafbegleitung.

Ob für diese Funktion ein Preis von 250 Euro berechtigt ist, kann man dennoch in Frage stellen. Immerhin kann die Trage nur als Bauchtrage verwendet werden und ist damit im Vergleich zu vielen anderen eher nicht für eine langfristige Nutzung im Kleinkindalter geeignet. Gleichzeitig tragen die sehr breiten Träger und der harte, breite Bauchgurt eher zu einem funktionalen Design bei. Doch auf die Frage, wie sich die Emma & Noah Trage als Premium-Produkt von anderen Tragen abhebt und ihren Preis rechtfertigt, ist die Antwort des Herstellers auch hier, man wolle die Trennung zwischen Funktion und Design auflösen und deshalb sowohl “gestalterisch überzeugen, etwa durch ein reduziertes Design” als auch durch natürliche Materialien, eine hochwertige Verarbeitung und keine Kompromisse in der Funktion. Weil das der Marketingsprech ist, an dem sich viele Babytragen-Hersteller bedienen, scheint es hier vielmehr so zu sein, dass man sich an der Konkurrenz in der Preisklasse orientiert und antesten will, ob Eltern bereit sind den Preis für die neue Trage zu zahlen. Zumindest ist der leichtgängige Magnetverschluss, der Babys Geduld und Mamas Nerven schont, hier ein greifbares Verkaufsargument. 

Wie teuer eine Trage ist, definiert nicht euren Wert als Eltern

Von der Alltagshilfe zum Lifestyle-Produkt – die Babytrage durchläuft aktuell eine ähnliche Entwicklung wie schon der Kinderwagen in den 00er Jahren (nicht zufällig gehört Artipoppe mittlerweile zur Firma Bugaboo) oder die Schulranzen, die im Laufe des letzten Jahrzehnts immer schicker und ergonomischer geworden sind (“Muss ein guter Schulranzen wirklich 300 Euro kosten?”). Die Bereitschaft verunsicherter Eltern, nur das Beste für ihr Kind kaufen zu wollen, greifen Hersteller gerne auf, um möglichst hohe Gewinnspannen für ihre Produkte zu erzielen. Was dazu führt, dass alle anderen nachziehen und die hohen Preise zur neuen Normalität werden. 

Eltern, die die hohen Preise anzweifeln, bekommen dann schnell Dinge zu hören wie “Wenn es um die Gesundheit des Kindes geht, sollte der Preis zweitrangig sein,” (Zitat aus einer Babytragen-Diskussion in unserem Urbia-Forum). Dieses Argument ist nicht nur komplett schief, weil es den Einfluss von Marketing bei der Preisgestaltung nicht berücksichtigt. Es setzt Eltern auch unnötig unter Druck, indem es ihnen das Gefühl gibt, ihr Wert und ihre Fähigkeiten als Eltern würden an den Preisen gemessen, die sie bereit sind, für Baby- und Kinderausstattung zu zahlen.

Es ist ein gutes Gefühl, wenn man sich Dinge leisten kann, die einem Freude bereiten. Wer die Babytrage als Accessoire versteht, die seinen eigenen Stil unterstreicht, wird sicherlich seine Freude an der 350 Euro teuren Artipoppe oder der 260 Euro teuren Rookie Trage haben – zumal diese Tragen später gebraucht zu einem guten Preis weiterverkauft werden können.

Ein mindestens genauso gutes Gefühl ist es aber, Premium-Label und Social-Media-Kampagnen zu hinterfragen und zu erkennen, dass unser Selbstwert auch in der Elternschaft nicht von einzelnen Produkten abhängt. Jede Trage, die die Standardanforderungen an Ergonomie und Komfort erfüllt, kann im Alltag entlasten und die Bindung zum Baby stärken – ob sie nun 70 Euro kostet oder 4.000. Viel wichtiger als ein schickes Label ist, dass die Trage zu euren individuellen Bedürfnissen im Alltag passt. Frag dich also, in welchen Situationen du die Trage nutzen möchtest und was dir dabei wichtig ist. Probiere verschiedene Modelle an und wähle bewusst eine Trage aus, die zu eurem Leben und eurem Geldbeutel passt.

Vielleicht hilft es dir bei der Entscheidung, zu wissen, dass du die Trage wahrscheinlich einige Monate intensiv nutzen wirst (wenn sich dein Baby nicht doch eher als Kinderwagen-Fan outet), sie dich aber nicht als Mutter oder Vater definieren wird. Das kann nur die Beziehung zu deinem Kind.

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