
Yoga verkauft sich als Ort der Offenheit, Achtsamkeit und Selbstakzeptanz. Doch hinter den Mantras herrscht oft ein erstaunlich enges Verständnis davon, wie man auszusehen, zu denken und zu leben hat. Der Erfolg einer neuen Yoga-Brand legt diesen Widerspruch offen.
Muss eigentlich niemand beim Yoga lachen? Bei dieser bis zur Selbstparodie verkünstelten Performance, bei der es angeblich darum geht, „Body und Mind in Einklang zu bringen“, obwohl dort in Wahrheit ein Widerspruch mit überkreuzten Beinen auf der Matte sitzt? Ein Widerspruch, der diese Pflichtkür, obwohl sie physisch gar nicht so besonders anstrengend ist, erstaunlich anstrengend macht.
Der Körper wird darauf trainiert, möglichst definiert zu wirken, der Kopf soll dabei aber ständig kritisch dem sogenannten Schönheitsdiktat entgegenarbeiten. Und weil das offenbar etwas verwirrend ist, wird bei keinem „Sport“ so oft eine Lehrerin installiert, die ihre Schülerinnen immer wieder in die richtigen spirituell-gedanklichen Bahnen lenkt. Damit fühlt diese Lehrerin sich so wohl, dass sie damals sogar ihre Festanstellung bei Gruner + Jahr gekündigt hat, um mit dem Geld ihres (inzwischen Ex-)Mannes, das der mit dem bösen Kapitalismus verdient hat, ein Yoga-Studio zu eröffnen.
Hier sitzen nun jeden Samstag Frauen jeglichen Alters, nicht wenige immer noch mit Strickstulpen, und beäugen seit einigen Jahren all die neuen Teilnehmerinnen, die es wagen, für ihre Leggings etwas mehr als zehn Euro auszugeben. Natürlich ist Yoga längst nicht mehr nur was für Esoteriker. Aber das Mindset in der Umkleidekabine bleibt erstaunlich homogen.
Nach den 60 Minuten – von denen die letzten 30 traditionell mit „Zur Ruhe kommen“ verbracht werden, also schlafend unter einer Decke – herrscht dort eine sehr spezifische Atmosphäre weiblicher Selbsttäuschung. Alle wollen gut aussehen, aber kaum eine würde zugeben, dass sie genau deshalb dort sitzt.
Die Umkleidekabine von Yoga-Studios ist nichts anderes als ein Gehege voller Frauen, die in Leoparden-Füßlingen umeinander schleichen und sich antrainiert haben, Abweichungen zu wittern und Fremdheit sofort erkennen, wo sie nicht als Diversity-Abziehbildchen daherkommt. Nirgends wird so aggressiv auf Konformität geachtet wie unter Frauen, die sich selbst für besonders offen und tolerant halten. Wer eine abweichende Meinung bei den *Herzensthemen* hat, dürfte hier keine freundlichen Bekanntschaften mehr schließen, wenn er es denn wollte. Und wenn man sich schon länger kennt, würde man entweder ausgegrenzt oder isoliert. Deshalb funktionieren Formate wie Urban Sports oder ClassPass wahrscheinlich auch so gut: Wer in Ungnade gefallen ist, oder fast noch schlimmer – sichtbar abgenommen hat, kann zumindest das Studio wechseln.
Und genau in dieses Revier platzt jetzt eine souveräne Frau in Alo-Klamotten. Nicht die überforderte Yoga-Millennial mit emotionaler Erschöpfung, Stresspanikattacken, „There is no Planet B“-Jutebeutel und fettigen Haaren im Messy Bun, die sich nach dem Kurs eine Packung antisemitisches Eis von Ben & Jerry’s auf der Couch reinpfeift. Sondern eine Frau, die so aussehen will oder schon so aussieht, als käme sie gerade vom Casting oder von einem Erewhon-Parkplatz in West Hollywood. Alo ist als Yoga-Marke gestartet, wurde dann durch etliche Models und Influencerinnen wie Hailey Bieber oder Kendall Jenner zur Lifestyle-Marke. Die Eröffnungen in mehreren deutschen Städten, darunter Berlin, sind für Herbst geplant. Online werden die Teile bereits nach Deutschland geliefert.
Natürlich gab es schon vorher Sportmarken, die Yoga als Lifestyle verkauften. Aber sie warben selten mit dem Offensichtlichen. Stattdessen standen Nachhaltigkeit, Body Positivity und irgendwelche GOTS-Zertifikate im Vordergrund.
Bis die Po-Leggings kam. Jene Leggings, die den Po wie einen reifen Pfirsich in zwei perfekte Hälften teilte. Der Backlash war gewaltig. Die Verkaufszahlen auch.
Genau dort setzt Alo an. Gutes Aussehen wird nicht als problematisches Nebenprodukt „kapitalistischer Unterdrückung“ behandelt, sondern als etwas, das Menschen wieder aktiv durch Leistung und Training erreichen wollen. Dieses Image macht die Marke zunehmend unangenehm für die Konkurrenz. Schätzungen zufolge liegt der Umsatz inzwischen bei rund 1,8 Milliarden Dollar.
Die Models in den Kampagnen sehen, Linksgrüne würden sagen „normativ“ aus – ihr ausgeleierter Standardvorwurf, wobei sie ästhetische Gleichschaltung mit Botox und Fillern auch gerne immer mal wieder als feministische Befreiung umdeklarieren, wenn es gerade ins Weltbild passt. Alo-Models sind einfach natürlich schlank, attraktiv und wohlproportioniert. Nebenbei sind sie auch mal wieder braungebrannt und beachblond, ohne als Ausgleich übergewichtig sein zu müssen, ihre Cellulitis zu präsentieren, tätowiert zu sein, Vokuhila oder Nasenring zu tragen oder erkennbare Diversitätsquoten zu erfüllen. Die Teile sind qualitativ hochwertig statt aus recyceltem Plastik, kosten nicht viel mehr als Konkurrenz-Produkte und Größen starten bei XXS, was auch endlich wieder mal einer XXS entspricht, und nicht einer M, damit die Leute sich beim Anprobieren gleich ein bisschen schlanker fühlen.
Man kann das Yoga-Studio natürlich auch durch andere Räume ersetzen, in denen das linksgrüne Milieu tonangebend ist, das andere Meinungen nur äußerst schlecht aushält.
Wer sich nicht anpasst, sich nicht bereitwillig kleinmacht, sich nicht in irgendeiner Form erziehen lässt und nicht ständig signalisiert, dass er Oberflächlichkeiten kritisch oder reflektiert hinterfragt und Errungenschaften nicht sofort mit Selbstironie, Aktivismus oder gesellschaftlicher Selbstanklage bezahlt – wird über die Legitimität angegriffen. Es werden mangelnde Komplexität, mangelnde moralische Glaubwürdigkeit und vermeintliche Vorteile unterstellt. Und das auffallend gerne von Menschen, die sich als progressiv, anti-oberflächlich und anti-diskriminierend verstehen. Es ist Regress unter Stress. Anständiges Diskutieren wäre eine Lösung. Yoga ist es offensichtlich nicht.